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TU Berlin

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Florian Dölle: Paris und Versailles in Reisebeschreibungen deutscher Architekten um 1700. Architekturbeschreibung und -rezeption am Beispiel von Pitzler, Corfey und Sturm

Die Arbeit stellt einen Versuch dar, ein quantitativ-analytisches Untersuchungsverfahren für die Bearbeitung von Quellen am Beispiel von drei Reisebeschreibungen für die Kunstgeschichte zu entwickeln und fruchtbar zu machen. Dadurch können vertiefte Informationen und Sachverhalte dargelegt werden, die bei einer oberflächlicheren oder nur summarischen Bearbeitung nicht zutage treten. Gleichzeitig wird durch die ermittelten Daten eine Grundlage für eine Datenbank und damit eine Überführung der Quellen in die erweiterten Möglichkeiten der digitalen Analyse geschaffen.

Untersuchungsgegenstand sind die Reisebeschreibungen dreier deutscher Architekten, die am Ende des 17. Jahrhunderts in Paris und Versailles waren und die hinsichtlich ihrer Architekturbeschreibung und Architekturrezeption in den Reiseaufzeichnungen untersucht werden sollen. Das ist zunächst die Reysebeschreibung des Architekten Christoph Pitzler (1657–1707) aus dem Herzogtum Weißenfels in der Nähe von Leipzig, der im Auftrag seines Landesherrn Herzog Johann Adolf I. von Sachsen-Weißenfels 1685–87 eine Europareise unternahm. Er hinterließ ein umfangreiches Manuskript mit Text und Skizzen, von dem 139 Seiten Frankreich thematisieren. Seine Reiseaufzeichnungen gelten seit 1945 als Kriegsverlust, jedoch haben sich die meisten Seiten der Frankreichreise als Fotografien erhalten. Dann das Reisetagebuch des Artillerieoffiziers Lambert Friedrich Corfey d. J. aus Münster, der sich selbstfinanziert mit Genehmigung seines Dienstherrn, dem Fürstbischof Friedrich Christian von Plettenberg, 1698–99 mit seinem Bruder Christian Heinrich ebenfalls in Paris und Versailles aufhielt und seine Beschreibungen dazu auf 86 Seiten in einem Manuskript rein schriftlich ohne Abbildungen festhielt. Schließlich die Architectonische[n] Reise-Anmerckungen des Architekten und Architekturtheoretikers Leonhard Christoph Sturm (1669–1719), der 1699 mit Unterstützung seines Landesherrn Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel in Paris und Versailles war und dessen überarbeitete Reiseaufzeichnungen erst 1719 in gedruckter Form mit Abbildungen herausgegeben wurden, wovon 113 auf Paris und Versailles entfallen.

Die in dieser Arbeit angewandte Methode ist eine neuentwickelte quantitative und qualitative Methode zur Analyse und Erschließung der drei Reiseberichte mit Hilfe von drei Fragestellungen: 1. zu den Inhalten und Gewichtungen, 2. zum Vorgehen und 3. zu den verwendeten Quellen, oder kurz gesagt, welche Inhalte wurden wie mit Hilfe welcher Quellen festgehalten. Das heißt, wie in realiter oder auf Stichvorlagen gesehene und in gedruckten Beschreibungen dargestellte Architektur in Text und Bild von den Verfassern auf Papier festgehalten und damit wieder beschrieben und rezipiert wurden. Die so erfolgte Übertragung von Stein oder Papier auf Papier stellt einen umgekehrten Entwurfsprozess dar, der von Papier auf Stein funktioniert. Gleichzeitig wird dabei ein bestehender Gegenstand in eine subjektive weil individuelle Beschreibung jedes einzelnen Architekten überführt. Den Begriff der „Rezeption“, der in der Architekturgeschichte zumeist die Umsetzung architektonischer Motive in geplante oder gebaute Architektur meint, wird hier dabei bereits bei den subjektiven Darstellungen von Gebäuden und Kunstwerken in den Aufzeichnungen der Baumeister verwendet.

Ergebnis dieser Untersuchung ist eine umfassende detaillierte Analyse der Reisebeschreibungen hinsichtlich der Fragestellungen in Form einer Datenbank und deren umfangreiche Auswertung und Interpretation. Die Überführung der ermittelten Daten in die Möglichkeiten der digitalen Analyse erlauben zudem weitergehende Untersuchungen anderer Forscher*innen. Die kunsthistorische Quellenbearbeitung soll so weiter digitalisiert werden, um das Potenzial der Digital Humanities auszuschöpfen.

Neben der eigentlichen Untersuchung werden im letzten Kapitel weitere Ergebnisse vorgestellt. Das sind zunächst Beiträge zu weitergehenden Forschungsdiskursen, wie sie auch in herkömmlichen Bearbeitungen von Reiseberichten herausgegriffen werden: früheste zeichnerische Darstellungen, weitergehende Informationen oder Bauzustände in Paris und Versailles. Danach werden die Reisebeschreibungen hinsichtlich des „Modells Frankreich“ bzw. des „Modells Paris“ und des „Modells Versailles“ beleuchtet. Diese Fragestellung wird sonst zumeist an geplante oder umgesetzte Bauvorhaben, Kunstschaffen, Mode oder Etikette gestellt, nicht aber an einen der Orte der ersten Frankreichrezeption: den Reiseberichten. Die Untersuchung zeigt, dass keine überragende Vorbildwirkung auf die drei Architekten durch Paris und Versailles feststellbar ist und dass neben Lob auch Kritik oder neutrale Beschreibungen auszumachen sind. Damit sind die Fragen nach den Modellen auch in den Reiseberichten differenzierter zu betrachten. Schließlich soll die Bedeutung der Reiseberichte als Medien des Kulturtransfers hervorgehoben werden, da sie, neben Stichen und gedruckten Beschreibungen, das Wissen über Architektur von Frankreich in die Heimatstädte der Baumeister vermittelten.

Betreuer: Bénédicte Savoy, Markus A. Castor (DFK Paris)

 

Vita

seit Februar 2020 Wissenschaftliches Volontariat in der Abteilung Schlösser und Sammlungen, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG)

2013–2020 Promotion an der Technischen Universität Berlin: Paris und Versailles in Reisebeschreibungen deutscher Architekten um 1700. Architekturbeschreibung und -rezeption am Beispiel von Pitzler, Corfey und Sturm, Betreuer*in: Bénédicte Savoy, Markus A. Castor (DFK Paris)

2018–2019 Wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Lehrtätigkeit für BA an der Philipps-Universität Marburg, Kunstgeschichtliches Institut, Prof. Hendrik Ziegler

2017–2020 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre de recherche du château de Versailles in dem deutsch-französischen Forschungsprojekt „Architrave“ (DFG-ANR)

Oktober 2014–April 2015 Forschungsstipendium am Deutschen Forum für Kunstgeschichte, Paris, und DAAD-Stipendium mit Aufenthalt am DFK als assoziierter Gastforscher

2012–2018 Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Lehrtätigkeit für BA und MA an der Technische Universität Berlin, Institut für Architektur, Fachgebiet Bau- und Stadtbaugeschichte, Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer / Prof. Dr.-Ing. Hermann Schlimme

2011–2012 Freiberufliche Mitarbeit in einem Forschungsprojekt der Technischen Universität Berlin zum Jüdischen Friedhof Weißensee

2004–2011 Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Mittleren und Neueren Geschichte an der Universität Hamburg, Université Sorbonne 1 Paris und der Freien Universität Berlin, Magisterabschluss an der Universität Hamburg

 

Publikationen (Auswahl)

Artikel
La visite du château et de la machine de Marly par Christoph Pitzler en 1686, in: Marly, art et patrimoine 11, 2017 (= Revue des Amis du Musée-Promenade de Marly-le-Roi-Louveciennes), S. 21–32.

Hermann Moritz Cossmann, in: Pariser Lehrjahre. Ein Lexikon zur Ausbildung deutscher Maler in der französischen Hauptstadt. Bd. II: 1844-1870, Nerlich, France; Savoy, Bénédicte (Hrsg.), Berlin 2015.

Mit eigenen und mit fremden Augen. Versailles in Christoph Pitzlers Reiseskizzenbuch von 1686, in: Der Künstler in der Fremde. Migration – Reise – Exil, Fleckner, Uwe; Steinkamp, Maike; Ziegler, Hendrik (Hrsg.), (= Mnemosyne. Schriften des Internationalen Warburg-Kollegs), Berlin 2015, S. 87-105.

Anton Ulrich, Frankreich und die französische Kunst, in: „… einer der größten Monarchen Europas“?! Neue Forschungen zu Herzog Anton Ulrich, Luckhardt, Jochen (Hrsg.), Forschungsband, Ausstellung „Fürst von Welt. Herzog Anton Ulrich - Ein Sammler auf Reisen“ anlässlich des 300jährigen Todes-jahrs Anton Ulrichs von Braunschweig-Lüneburg, Burg Dankwarderode, Braunschweig, 10.04.-20.07.2014, Petersberg 2014, S. 94-115.

Le regard d’un étranger. Versailles dans le journal de l’architecte Christoph Pitzler (1657-1707), in: Voyageurs étrangers à la cour de France (1589-1789) : regards croisés, Boutier, Jean; Gersmann, Gudrun; Klesmann, Bernd; Kolk, Caroline zum; Moureau, François (Hrsg.), Tagungsband, Internationales Kolloquium des Centre de recherche du château de Versailles, Deutsches Historisches Institut, Paris, 31.01.-01.02.2013, Paris 2014, S. 121-142.

Online
Christoph Pitzler, « Étude du voyage en France et du séjour à Versailles de Christoph Pitzler, extrait de son carnet d’esquisses (1685-1688) conservé à la Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg », Bulletin du Centre de recherche du château de Versailles [online], 2014, eingestellt am 25. September 2014. URL: crcv.revues.org/12347; DOI: 10.4000/crcv.12347.

 

Kontakt: f.doelle@spsg.de

 

 

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